Best Before

BEST BEFORE
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Das Redepult ist ein zentrales Kommunikationsinstrument zwischen politischen Eliten und der Bevölkerung. Es ist so etwas wie ein one-way Bindeglied zwischen dem Souverän und seinen gewählten Abgeordneten und damit auch Sinnbild für den Modus unserer repräsentativ-parlamentarischen Demokratie. Neben der Verlautbarung von ideologischen Standpunkten, tagespolitischen Positionen oder Reformvorhaben ist es auch eine Bühne für PR-gelenkte Inszenierungen oder Ablenkungsmanöver die die mediale und geschichtliche Rezeption beeinflussen können. Es bietet somit auch Gelegenheit zum Missbrauch von Macht.
Das Redepult befindet sich etwa im Parlament oder auf anderen mehr oder weniger geschlossenen politischen Bühnen und wird über zunehmend digitale Berichterstattung in private und öffentliche Räume transferiert. Die interaktive Intervention Best Before überwindet diese Grenze und bringt das Redepult als physischen Körper in die Öffentlichkeit. Durch abgenutzte Plakate und Graffities die sich auf den Betonflächen befinden ist die Skulptur als etwas vom öffentlichen Raum Vereinnahmtes erkennbar, anstatt wie so oft, lediglich als glattes unerreichbares Möbel auf einem Bildschirm abgebildet, wahrnehmbar zu sein. Die politische Rede wird zu dem gemacht was sie im Kern ist, zu einer öffentlichen Sache. So wird ein egalitärer Raum inszeniert, der es jeder Person für einen Moment ermöglicht, sich hinter das Pult zu stellen und in eine fiktive repräsentative Rolle zu schlüpfen.

Die Intervention setzt sich im Wesentlichen aus zwei synergierenden Teilen zusammen, die ein zeitliches Spannungsfeld erzeugen: Dem Skulpturalen aus Beton und dem Inhaltlichen aus Glas. Während das interpretationsoffenere und heruntergekommene Betonpult ein Relikt aus einer vermeintlich vergangenen demokratischen Zeit verkörpert, hebt sich die Glastafel durch ihre Materialität und Ästhetik klar ab und verknüpft die Skulptur textuell mit konkreten und aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Anstatt lediglich die Installation zu erklären, hält sie als eigenständiger kritischer Körper fest, dass der Ausbau marktwirtschaftlicher Liberalität bei einem gleichzeitigen Rückbau sozialstaatlicher Schutzsysteme die ökonomische Polarisierung verstärkt, die Konzentration von Macht fördert und so demokratische Teilhabe erschwert.

Der Titel Best Before greift die englische Bezeichnung für Mindesthaltbarkeitsdatum auf und bringt in Verbindung mit der von Zerfall gekennzeichneten Skulptur eine postdemokratische Dystopie zum Ausdruck.
Vergleichbar mit dem Betrachten von griechischen Tempelruinen oder Resten der Berliner Mauer, wo auf Relikte so nicht mehr existierender aber geschichtlich bedeutungsvoller Gesellschaftsformen geblickt wird, ermöglicht Best Before BetrachterInnen in eine fiktive Außenperspektive auf die eigene Gesellschaft zu transzendieren.

Die künstlerische Intervention Best Before ist somit eine Arbeit, die auf mehreren Ebenen in Erscheinung tritt: Als interaktive Installation durch deren Betreten ein spielerischer Rollenwechsel vom demokratischen Souverän zur Repräsentanz ebendieses stattfindet, als dystopisch fiktives Relikt aus einer umfassend entdemokratisierten Gesellschaft und als kritischer Kommentar zum Verhältnis von Wirtschaft und Staat.

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